Von der Rotweide

In uralten Zeiten lebte in der Nähe des Kließees eine junge Frau, Clia gerufen, die Ihr Geld mit Weidenkorbflechten verdiente und in einer kleinen Hütte nahe dem Seeufer lebte. Von einem satten Rot waren ihre Haare, wie der Rost an einem schartigen Schwert. Ihr Liebreiz verzückte auch einen jungen Magus, der verwirrt von der steifen Freundlichkeit ihm gegenüber, sich in die Abgeschiedenheit der Natur an den See zurückziehen wollte. Er beobachtete die junge Frau, als sie mit offenen Haaren vor ihrer Hütte saß und mit geschickten Händen Weidenzweige zu Körben flocht. Die abendliche Sonne schien auf ihr Haar und brachte es zum Leuchten. Vorsichtig näherte sich der junge Magus der Frau und entbot seinen Gruß. Die gefleckte Katze, die sich zu den Füßen der Korbflechterin geräkelt, hatte kam neugierig auf ihn zu. Und Clia erwiederte den Gruß mit einem freundlichen Lächeln. Nun geschah es, daß das Herz der beiden jungen Menschen bald von dem Feuer der Liebe für einander erfaßt wurde und der Magier blieb bei der jungen Frau an dem See. Bald erkannte er, daß die junge Frau nicht eine einfache Korbflechterin war, sondern eine Tochter Satuarias, und er bat sie, ihn in die Geheimnisse der Hexen einzuweihen. Die Liebe machte die junge Hexe taub gegen die Warnungen der anderen Hexen, daß es gefährlich sei etwas von ihrem Wissen an den Magus weiterzugeben, und so verriet sie so manches große Geheimnis an ihren Liebsten. Doch der Magus war nur schön in Gestalt. Sein Innerstes aber war grausam. Und schon bald begann er das neue Wissen an den armen Bewohnern des Dorfes auszulassen und sich für ihre ablehnende Behandlung ihm gegenüber zu rächen. Das erzürnte die anderen Hexen und sie straften den Mißbrauch gar scheußlich. Von schweren Krankheiten gezeichnet und durch Warzen entstellt starb er gar bald auf der Flucht vor den zornigen Hexen aus der ganzen Gegend. Die junge törichte Clia aber, die die Gesetze der Hexen gebrochen und damit Schande über sich und ihre Schwestern gebracht hatte, wurde verflucht auf immer am See zu wandeln und die Dorfbewohner vor allem Unbill durch Fremde zu schützen. So steht sie nun als Weide am oder gar im See und wacht über die Meidensteiner Bauern. Da aber ihr Haar so wunderbar rot war, wurde aus ihr nicht eine Weide wie man sie allerorten kennt, sondern ihre Zweige und Blätter sind rot wie Rost an einem schartigen Schwert. In den Nächten aber, in denen die Hexen tanzen, verwandelt sich die Rotweide wieder in die junge Frau von damals und rastlos auf der Suche nach ihrem Liebsten durchstreift sie die Gegend um das Ufer des Sees herum. Manchmal, wenn es ganz still am See ist, dann kann man Clia hören, wie sie schluchtzt und weint. Seit dieser Zeit aber findet man überall in Meidenstein die Rotweiden, die bei den Bauern gerade um den Kließee herum besonders beliebt sind. Für sie bedeutet eine Rotweide Schutz vor jeglichem Unbill und gar häufig findet man Zierkränze, die aus den Zweigen einer Rotweide geflochten sind und zum Schutz vor bösen Geistern oder Einbrechern an die Tür gehängt werden. Junge Mädchen und Buben gehen in der Nacht vor dem 1. TSA hinaus und schneiden einen Rotweidenzweig, den sie sich in die Stube in eine Vase stellen. Ihm erzählen sie von ihren Wünschen oder ihren Vorhaben für die nächsten Monde und wenn er in der Vase seine Blätter entfaltet, dann wissen sie, daß ihr Wunsch in Erfüllung geht, ihr Vorhaben klappen wird.